Inhalt

Papa ist vom Balkon gefallen worden. So scheint sich zu bewahrheiten, was der alte Herr von Anfang an ahnte: Eine Versicherung abschließen, das bringt Unglück. Für die Nachkommenschaft hingegen könnte sich Papas spätes Sicherheitsbedürfnis durchaus lukrativ gestalten – wäre da nicht dieser Mann, mit dessen Besuch alles beginnt. Die Produkte seines philosophischen Sortiments sind vielfältig und – man ist ja nicht blöd – oft zu geil, um geizig zu sein. Einfach nur aus Prinzip nichts kaufen zu wollen, das läßt einem der gut informierte Besucher nicht durchgehen. Schon bald ist der käsige Revoluzzer-Sohn, der den Vater beharrlich gegen seinen Willen vom Joch des Großkapitals befreien wollte, um ein Gesamtpaket Utopien reicher; auch Mutters Empfänglichkeit für lang entbehrte Selbstverwirklichung macht es dem Fremden leicht, ein entsprechendes Produkt zu lancieren. Einzig der tumben Proll-Tochter, Traum eines jeden Marketingstrategen, wird das ersehnte Angebot verwehrt; die billige Welt – und billig, da steht sie drauf – liegt ihr ja bereits zu Füßen. Und während man sich auf dem Balkon versammelt, unter dem der Papa liegt, reift die Erkenntnis, daß die Wahrheit kaum einer, das Geld dafür jeder gebrauchen kann. Mit BETRUG ist Axel von Ernst ein äußerst versiertes Debüt gelungen. Die Geschichte einer Familie aus kleinen Verhältnissen könnte an jeder ärmlichen Ecke spielen. Seine Abrechnung mit der »phantastischen Zeit der Gegenwart« trifft ins Mark: BETRUG ist sarkastisch, ohne gefühllos zu sein, hintergründig und böse, ohne in Zynismus zu verfallen. Vehikel seines gesellschaftlichen Zerrspiegels ist ein namenloser Mephisto, der es in einer ideenlosen und visionsleeren Zeit mit der Perfidie einer Dauerwerbesendung versteht, selbst dort noch Bedürfnisse zu schaffen, wo Resignation längst das kleinste aller Übel ist.

Autor

Axel von Ernst

Axel von Ernst, Jahrgang 1971, lebt als freier Schriftsteller und Verleger in Düsseldorf.
U. a. erschien 2005 sein Bericht „48 Stunden Theater - Dokumentation und ...