Inhalt

Wie Michael Jackson einst eine millionenschwere Fangemeinde hat der vierzehnjährige Jungkaiser Heliogabal Rom im Sturm genommen. Doch schon nach kurzer Zeit wurde er den Römern, was Marlene Dietrich den Deutschen war: nationaler Feind Nr. 1. Wie lauteten die Vorwürfe? Blasphemie, Provokation, Arroganz, politischer Verrat, sexuelle Ausschweifung und Homosexualität. Die Grenze zwischen geschichtlichen Fakten und vernichtender Fiktion verschwimmt. Aber so viel ist klar: Was damals ein Kaiser war, ist heute ein Superstar. Ein Nichts-Sagender, dem vieles nachgesagt werden darf. Aber auch ein Jasager, der allen zusagt. Er dient dem Volk als Projektionsfläche und stiftet Identität. Damit tritt er eine schwere Gratwanderung an: Farbloser Durchschnitt ist den Fans zu wenig, zu alltäglich, zu ähnlich. Doch überdurchschnittliche Begabungen frustrieren sie. Also darf der Superstar die Möglichkeit des Außergewöhnlichen nur manchmal aufscheinen lassen, um damit die Normalität seiner Anbeter nicht nur erträglich, sondern erstrebenswert erscheinen zu lassen. Britney Spears, gleichzeitig Jungfrau aus Überzeugung und zungenrollende Sexschlampe, weiß davon ein Lied zu singen. Dazu braucht sie nicht mal eine Stimme. Die wird ihr von der Industrie verliehen. Aber da sie als Mächtige gleichzeitig Instrument der Macht ist, kann ihr das Stimmrecht wegen zu hohen Alters oder zu geringer Verkaufszahlen schnell wieder entzogen werden. So war es für Heliogabal. Und so ist es überall. (Thomas Jonigk, aus dem Programmheft der RuhrTriennale) Heliogabal entstand als Auftragswerk für die RuhrTriennale und wurde dort als Rockoper mit der Musik von Peter Vermeersch uraufgeführt.

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Autor

Thomas Jonigk

Thomas Jonigk (Foto: T+T Fotografie) wurde 1966 in Eckernförde geboren. Er studierte Mediävistik, Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft an der Freien ...