Kristin Derfler über ihr Verständnis der Ideen- und Stoffentwicklung

Ich SCHREIBE Filme. Morgens rolle ich die Leinwand aus, springe kopfüber in die Bilder, balanciere am Rande des Chaos, um irgendwann festen, bisher unberührten Boden zu betreten. 

Ich ENTDECKE in der Stille, im Alleinsein und im Dialog mit meinen Figuren. 

Der Rest ist jahrelanges Training, das Beherrschen des Handwerks und visuelle Vorstellungskraft. 

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 „Ach du meine Güte, das Ding atmet, vielleicht kann es sogar denken, was zur Hölle soll ich jetzt bloß als Nächstes tun?“

Gut möglich, dass Victor Frankenstein genau diese Frage durch den Kopf schießt, als er nach monatelanger Arbeit in seinem Labor die zusammengenähten Leichenteile zum Leben erweckt und das Monster plötzlich die wässrig gelben Augen aufschlägt. Kurz darauf flüchtet Frankenstein aus seiner Wohnung, lässt die Kreatur zurück und Frankensteins persönliche, in wenigen Sekunden getroffene Entscheidung bewirkt, dass sich das eigentlich gutmütige Monster zum Bösen wandelt und aus Verzweiflung und Einsamkeit den ersten Mord begeht. 

Was aber wäre passiert, wenn die Engländerin Mary Shelley, die den Schauerroman 1816 im Alter von 19 Jahren schrieb, zu einer ganz anderen Entscheidung gelangt wäre und Frankenstein als einen höchst fürsorglichen Menschen charakterisiert hätte, der sich seiner Verantwortung NICHT entzieht, sondern sich um das abgrundhässliche Monster kümmert, möglicherweise sogar liebgewinnt, die Kreatur versteckt, bis seine Verlobte es zufällig im Keller entdeckt und Frankensteins bis dahin wohl gehütetes Geheimnis verrät? 

Wir wissen nicht, ob aus einer solchen Figurenanordnung ein Bestseller der Weltliteratur entstanden wäre,ganz ausgeschlossen ist es aber auch nicht.   

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Das Erfolgsgeheimnis der jungen Schriftstellerin bestand wohl darin, dass es ihr weniger um Schockeffekte, als um die Seele des Monsters ging. Und ich könnte mir vorstellen, dass Mary Shelly während des Schreibprozesses selbst nicht so genau wusste, wie sich das Geschehen entwickeln würde. Mit großer Wahrscheinlichkeit aber vertraute sie ganz auf den archetypischen Konflikt zwischen ihren höchst unkonventionell angelegten Hauptfiguren. Bis ihr möglicherweise selbst klar wurde, dass ihr weltweit erster Science-Fiction Roman gar nicht um die Frage der „übernatürlichen Existenz“ kreist, sondern sich im Kern mit den moralischen Konsequenzen befasst, die sich aus der Erschaffung eines künstlichen Menschen ergeben. 

GESCHICHTEN sind wie Bruchstücke von Fossilien, die entdeckt, freigelegt und möglichst unbeschädigt aus dem Boden gehoben werden. Die Entstehung eines lebendigen, zwingenden PLOTs – dem Kontinent der Intuition, dem Tummelplatz der Figuren – funktioniert nicht durch schematische Konstruktion. Es geht eher darum, NICHT zu wissen, wie sich das verfluchte Ding entwickelt und nicht von den Figuren zu verlangen, dass sie sich gefälligst so verhalten, wie ich mir das als Autorin vorgestellt habe oder ihnen gar beim Freischaufeln ihres Dilemmas behilflich zu sein. Sondern mitten im Geschehen zu verharren, im Auge des Sturms. Bis die Figuren selbstständig und frei auf ihre - im wahrsten Sinne des Wortes – UNVORSTELLBARE Weise handeln und so zum Leben erwachen. 

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Eine Welt mit schillernden Charakteren und einer komplexen Handlung zu erschaffen, ist nicht das Ergebnis einer scharfsinnigen Ratio. Der Verstand ist bekanntermaßen begrenzt, wenn es um das Ausgraben einer guten Geschichte geht. Der eigentliche schöpferische Prozess findet im Unterbewusstsein statt. Um offen zu sein für Neues, kommt es darauf an, den Filter im Kopf zu lockern, ohne den Verstand zu verlieren. 

Das, was meine jeweiligen Figuren entscheiden, bestimmt den Verlauf des Geschehens. Insofern weiß ich lange nicht, wie die Geschichte ausgeht. Und will es immer weniger wissen. So halte ich mich selbst permanent – Seite für Seite – in Spannung. Bis zum Ende hin, wo ein allerletzter Twist erfolgt, der im besten Fall die gesamte Geschichte in einem ganz anderen, gänzlich unerwarteten Licht schimmern lässt. 

Dann – erst dann – rolle ich die Leinwand ein.

Leseproben oder Beispiele für Lookbooks können bei Bedarf angefragt werden.