Neuheiten Bühne

DIE ZWEIEINHALB LEBEN DES HEINRICH WALTER NICHTS

von Lukas Linder

Ein Märchen

Bes. variabel - Wechseldek.

UA: 27.11.2014, Schauspiel Leipzig

Zur Detailseite

Inhalt

Lukas Linder erzählt in seinem neuen Stück DIE ZWEIEINHALB LEBEN DES HEINRICH WALTER NICHTS auf gewohnt komische, groteske und hintergründige Art und Weise die Geschichte einer schleichenden Auflösung – der Auflösung seiner Hauptfigur Heinrich Walter Frank, der zum Mann ohne Eigenschaften wird.

Am Anfang steht der "brave Bube" Walter, der sich aufgrund einer völlig weltfremden Erziehung durch den verschrobenen Vater und die abwesende Mutter schon bald mit der Rolle des Außenseiters arrangieren muss. Inspiriert durch den Zauberer Zacharias flüchtet sich der kleine Walter in die Zauberei – mit fatalen Folgen: nachdem er seiner Schulkameradin Margrit versehentlich in den Bauch gesägt hat, findet er sich in einer Besserungsanstalt wieder, wo ihm Zacharias, getarnt als Sozialarbeiter "Fränk", einen Schwur abringt, der darin besteht, sein altes Leben hinter sich zu lassen und von nun an als Boxer zu reüssieren. Flankiert von Dora Diamant – einer vollkommenen Verkörperung mütterlichen Double-Binds und nicht nur dem Namen nach kafkaesk konzipiert – schafft es Zacharias, aus dem kleinen Walter den Boxer Heinrich "die Nase" Frank zu machen und die Kontrolle über ihn zu erlangen. Doch Zacharias hat nichts Gutes vor. Als Boxer stagniert Heinrich und so hat Zacharias den Plan, "die Nase" zum ultimativen Verlierer zu coachen, um ihn als größte Lusche aller Zeiten zur lohnenden Attraktion zu machen. Blind vor Liebe zu Dora tappt Heinrich Zacharias in die Falle. Kurz vor dem alles entscheidenden Kampf verlässt Dora Heinrich wie geplant und Zacharias’ Kalkül geht auf: der völlig paralysierte Heinrich erleidet die vollkommenste Niederlage, die die Welt je gesehen hat...

Wie schon bei seinen Vorgängerstücken ICH WAR NIE DA und DAS TRAURIGE SCHICKSAL DES KARL KLOTZ liest sich auch das neue Stück von Lukas Linder wie eine märchenhaft-phantastische Bühnen-Variante eines Anti-Bildungsromans, wobei Linder hier Bezüge zu den Figuren Kaspar Hauser und Peter Schlemihl herstellt. Die Geschichte des kleinen Walter sowie die von Heinrich "die Nase" Frank wird im Stück abwechselnd erzählt, was den Leser zum Zeugen eines vielschichtige Vexierspiels werden lässt, in dessen Zentrum die Verquickung von Identität und Manipulation steht. Am Ende lösen sich die beiden Erzählstränge in der eigenschaftslosen und "aufgegebenen" Gestalt des Heinrich Walter Nichts auf, der noch einmal seiner großen Liebe Dora Diamant begegnet, ohne dass diese ihn wieder oder Heinrich sich ihr zu erkennen gäbe.