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11.11.2018

Wie funktioniert eigentlich Paul Pörtner Erfolgsstück SCHERENSCHNITT? Was wollte der Autor, der mit allen Theatertheorien bestens vertraut war, erreichen?

Vornehmlich wollte er das ganze Spektrum des Könnens der Schauspieler zum Leuchten bringen, also gab er allen Figuren in diesem Sechspersonenstück die gleiche Chance, sich zu entfalten. Wie macht er das? 

Im ersten Teil gibt es eine klare Handlung, haben die Schauspieler eine fest umschriebene Rolle, eine kleine  oder große. Aber im zweiten Teil bricht das dramatische Gefüge in sich zusammen und jeder kann sich so ausführlich wie alle anderen als Mörder outen. Da spielt das Publikum mit und hinterfragt alles und alle. 

Pörtner gehört zu den ersten Autoren, die die vierte Wand, die zwischen Bühne und Publikum, öffnen. Nicht nur dieses Phänomen weist auf ihn als einen kühnen experimentellen Bühnenautor. Zudem aber stellt stellt er nicht einfach die Struktur eines Kriminalstücks in Frage – oder: der Mörder  sind Sie, lautet der Untertitel -, sondern liefert auf der Metaebene auch einen Beitrag zum dramatisch-postdramatischen Diskurs, mit dem Stück selber. Er setzt alles auf die Erfindungskraft des Schauspielers, der improvisierend gegenüber dem Publikum als Zeugen um sein Leben und seine Ehre kämpft. 

Es ließe sich noch vieles mehr von diesem Text sagen, der nicht spannend zu lesen ist (da mit Erläuterungen versehen), dafür aber vor Leben sprühen kann auf der Bühne . Die Geschichte seines Erfolgs beweist es. Eines aber müssen alle Mitwirkenden – vom Regisseur bis zu den Schauspielern – mitbringen: eine tolle Lust am Theatermachen. Der Inhalt ist jeden Abend anders. Die Macher haben es in der Hand, ob mehr gelacht, mehr wie im Kabarett kritisiert, oder mehr geweint wird. 

Unter dem Titel DERNIER COUP DE CISEAUX läuft SCHERENSCHNITT in Paris, im Théâtre des Mathurins, seit 8 Spielzeiten!