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Mit ihrer Verfassungsbeschwerde gegen das Theaterstück EHRENSACHE von Lutz Hübner ist die Mutter eines ermordeten Mädchens endgültig gescheitert. Das Bundesverfassungsgericht gab in einem Ende Januar veröffentlichten Beschluß der Kunstfreiheit den Vorrang vor dem postmortalen Persönlichkeitsrecht. Explizit berufen sich die Richter auch auf jene juristischen Präzisionen, die im Zusammenhang mit dem sogenannten ESRA-Urteil im vergangenen Juni in Bezug auf die Beurteilung von Kunstwerken formuliert wurden. Der Beschluß ist unanfechtbar, das Stück kann nun wieder uneingeschränkt und überall gespielt werden. Das vollständige Urteil kann auf den Internetseiten des Bundesverfassungsgerichts unter folgendem Link eingesehen werden: www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rk20071219_1bvr153307.html Das Stück ist derzeit an folgenden Theatern in Deutschland zu sehen: Schauspiel Essen (UA), Deutsches Schauspielhaus, Hamburg, Württembergische Landesbühne, Esslingen, Hans-Otto-Theater, Potsdam, theaterperipherie, Frankfurt/M. (in Zusammenarbeit mit schauspielfrankfurt), Vagantenbühne, Berlin, Theater Lübeck.
Im Theatersommer 2008 stehen bereits über ein Dutzend Shakespeare-Inszenierungen an, die auf Übersetzungen und Fassungen aus dem Hartmann & Stauffacher Verlag zurückgreifen. So hat Paul Brodowsky für die Münchner Kammerspiele und die Wiener Festwochen eine neue Fassung von TROILUS & CRESSIDA erarbeitet und übersetzt, die in der Regie von Luk Perceval am 12. Mai zu ersten Mal in Wien zu sehen sein wird. Die Münchner Premiere folgt am 30.5. Im Rahmen der Festspiele Schwäbisch Hall wird den geneigten Zuschauern ein besonderer Leckerbissen zuteil: Frank Günther hat DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR neu übersetzt. Ab dem 13.6. wird man diese Fassung erstmals auf der Bühne erleben können. Weitere Günther-Übersetzungen liegen den folgenden Inszenierungen zugrunde: VIEL LÄRM UM NICHTS (Staatstheater Kassel, Staatstheater Oldenburg, Schauspielhaus Salzburg), EIN SOMMERNACHTSTRAUM (Saarländisches Staatstheater, Saarbrücken, Hans-Otto-Theater, Potdsdam, Theater Ingolstadt), WIE ES EUCH GEFÄLLT (Kreuzgangspiele Feuchtwangen), ROMEO & JULIA (Naturbühne Trebgast, Theater Ulm), DER STURM (Neue Bühne Darmstadt), WAS IHR WOLLT (Theater der Altmark, Stendal).
Rechtzeitig zur Buchmesse in Leipzig ist mit HUNDERT TAGE (Wallstein Verlag, Göttingen) der erste Roman von Lukas Bärfuss erschienen. Der Schweizer Autor erzählt in dem 200 Seiten umfassenden Buch die Geschichte eines moralischen Irrtums, der in Ruanda eines der größten Verbrechen des Jahrhunderts ermöglichte: Ruanda, April 1994, in Kigali wütet der Mob. David, Mitarbeiter der Schweizer Entwicklungshilfe, hat das Flugzeug, mit dem die letzten Ausländer evakuiert wurden, abfliegen lassen. Er versteckt sich hundert Tage in seinem Haus, vom Gärtner mit Nahrung versorgt - und mit Informationen über Agathe, Tochter eines Ministerialbeamten, die der Grund für sein Bleiben ist. Die vergangenen vier Jahre ihrer Liebe ziehen ihm durch den Kopf, die Zeit, die er als Entwicklungshelfer in Kigali verbrachte. Millionen wurden in ein totalitäres Regime gepumpt, das schließlich, als es die Macht an eine Rebellenarmee zu verlieren drohte, einen Genozid organisierte. Auch David wurde zum Komplizen der Schlächter, und als die Aufständischen Kigali einnehmen, flieht er mit den Völkermördern über die Grenze. Dort findet er in einem Flüchtlingslager Agathe wieder, aber es ist nicht die Frau, die er einmal liebte. Lukas Bärfuss` minutiös recherchierter Roman berichtet von Menschen, die das Gute beabsichtigten und das Böse bewirkten. Uwe Wittstock schreibt in der Welt vom 8. März 2008: "Was für ein ungeheures Buch! So etwas wird in deutscher Sprache nur selten geschrieben. Ein hochpolitischer Roman, der sich nicht in schnellen, vorgefertigten Schuldsprüchen erschöpft und einem schon damit die Ruhe rauben kann. Ein Roman, der anhand eines konkreten historischen Ereignisses einige fundamentale Fragen stellt und zeigt, daß wir vor diesen Fragen auch heute hilflos stehen wie Kinder mit leeren Händen. Ein Roman schließlich, der auf die Forderung nach subjektiver Authentizität, der man in unserem Literaturbetrieb lange huldigte, keinen Pfifferling mehr gibt, und stattdessen auf kluge Recherche und die Macht der Imagination setzt. Bärfuss ist während des Völkermordes nicht in Ruanda gewesen, als Autor kann er sich folglich nicht auf authentische Erlebnisse berufen, sondern muß sich auf sein Talent zur Erfindung der Wahrheit entlang verbürgter Fakten verlassen. Das schmälert die literarische Überzeugungskraft seines Buches keineswegs, im Gegenteil, gerade weil er sich frei im recherchierten historischen Material bewegen kann und nicht an wenigen erlebten Episoden klebt, gewinnt der Roman als Kunstwerk eine höhere Glaubwürdigkeit. Warum kann ein Idealist wie der Entwicklungshelfer David, der nur das Gute will, schließlich doch zu einem Teil jener Kraft werden, die Böses schafft? Es ist diese Frage, die den Roman von Lukas Bärfuss vorantreibt, und die letztlich auch zum Motor seines Stückes "Der Bus" wurde. Eine Antwort darauf enthalten naturgemäß weder der Roman noch das Stück. Beide beschränken sich darauf, die gebrechliche Einrichtung der Welt vorzuführen und zu zeigen, wie schwer es ist, mit ihr zu leben." Der Schweizer Tagesanzeiger urteilt ebenfalls über das Buch: "Bärfuss blickt tief ins Herz der Finsternis. Was er sieht, kann niemandem gefallen; aber es macht «Hundert Tage» zu einem großen, aufwühlenden Roman."
Der Hörspielpreis der Kriegsblinden, der in diesem Jahr zum 57. Mal verliehen wird, geht an Helgard Haug und Daniel Wetzel. Für ihr Hörspiel „Karl Marx. Das Kapital. Erster Band” erhalten die beiden Künstler des Kollektivs Rimini Protokoll den Preis für Radio­kunst, der zu den renommiertesten Auszeichnun­gen für Hörspielautoren zählt. Mit dem Preis wird jährlich ein von einem deutschsprachigen Sender konzipiertes und produzier­tes Hörspiel ausgezeichnet, das „in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunst­form realisiert und erweitert”. Das Hörspiel ”Karl Marx: Das Kapital, Erster Band” wurde vom DLF und WDR produziert und am 19. November 2007 urgesendet. Die Preisverleihung findet am 2. Juni 2008 auf dem Petersberg in Bonn statt. In der Entschließung der Jury heißt es: “Ein weiteres großartiges Stück der renommierten Gruppe „Rimini Protokoll“ stellt auf erhellende Weise Experten des Alltags in einen artifiziellen Zusammenhang. Im Hör­spiel ‚Karl Marx: Das Kapital, Erster Band’ erforschen Helgard Haug und Daniel Wetzel, wo in der Gesellschaft dieses Buch, das jeder kennt und kaum einer gelesen hat, seine Spuren hinterlassen hat. Menschen setzen ihr Leben in Beziehung zu dem Werk. Der eine hat es gründlich studiert, die andere damit geheizt. Ein Wissenschaftler, ein blin­der Plattensammler, ein früherer Maoist, ein Gewerkschafter, eine Prostituierte und andere erzählen von Habenwollen und Spielsucht, Anlagebetrug, von Menschen als Ware, Fetischen, vom Arbeitsalltag, vom Marxwein aus Trier, von Neokapitalismus und alter Ausbeutung. Die authentischen Stimmen sind zu einem provokanten und zugleich kulinarischen Radio-Erlebnis komponiert. Brüche, Zusammenstöße, absurde Beziehungen und eine hintergründige Komik entstehen. Die Jury lobte diese zeitgemäße Weiterführung des Originalton-Hörspiels. Sie genoss subtilen Witz, scharfe politische Analyse, Geistrei­chelei, und schließlich und vor allem den akustischen Mehrwert.“ Der Hörspielproduktion war die gleichnamige Theaterproduktion des Düsseldorfer Schauspielhauses vorangegangen, die dort am 4.11.2006 uraufgeführt wurde und im Jahr 2007 mit dem renommierten Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde. Nach umfangreichen Gastspielen im europäischen Ausland wird die Produktion am 3., 4. und 5. Mai erneut in Düsseldorf gezeigt. Weiterhin sind Gastspiele u.a. in Chemnitz, Saarbrücken, Stuttgart und Trier vorgesehen.
In einem Festakt im Bremer Rathaus wurde der Schriftsteller und Theaterautor Thomas Melle mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises 2008 ausgezeichnet. Den mit 6.000 Euro dotierten Förderpreis erhält er für seinen Erzählband "Raumforderung". Der 32-jährige Autor und Übersetzer von William T. Vollmann lebt in Berlin. Der Literaturpreis der Stadt Bremen wird seit 1954 jährlich verliehen und zählt zu den bedeutendsten Literaturauszeichnungen Deutschlands. Aus der Begründung der Jury: "In seinem Debüt erkundet er mit großem sprachlichen Furor, der Gabe kühler Beobachtung und vitaler Lust am Experiment die gegenwärtigen Möglichkeiten der Kurzgeschichte. Er schreibt auf Augenhöhe mit den technischen Medien und reagiert mit erzählerischen Mitteln auf die Herausforderung der Literatur durch das Internet. Mit der Sprach- und Bewusstseinskrise macht er zentrale Themen der Moderne auf originelle Weise erneut fruchtbar." Thomas Melles Theaterstücke HAUS ZUR SONNE (Uraufführung: Theater Erlangen) und LICHT FREI HAUS (Uraufführung: Badisches Staatstheater, Karlsruhe) sind bei Hartmann & Stauffacher verlegt. Derzeit schreibt Melle im Rshmen des Düsseldorfer Autorenlabors an einem neuen Stück.
Nachdem sowohl die Münchner Kammerspiele als auch die Berliner Volksbühne seinen Skandalroman MACHT UND REBEL für die Bühne dramatisiert haben, hat nun das Staatstheater Stuttgart Matias Faldbakkens Romandebüt THE COCKA HOLA COMPANY am 31.1.2008 in der Regie von Volker Lösch uraufgeführt. Faldbakken, eigentlich bildender Künstler, gilt in Deutschland bereits seit einiger Zeit als Autor mit einem beeindruckenden dramatischen Potenzial. Nun hat der Norweger sich seines Landsmannes Henrik Ibsen angenommen und dessen NORA in beeindruckender Art und Weise gegen den Strich direkt in die Neuzeit gebürstet. Faldbakkens Kunststück besteht darin, daß er der Struktur des Klassikers treu bleibt; gleichzeitig ist DAS KALTE PRODUKT, so der Titel der Paraphrase, zu hundert Prozent Faldbakken. DAS KALTE PRODUKT, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, wird zu Beginn der neuen Spielzeit vom Staatstheater Stuttgart uraufgeführt.
Am 8. März 2008 wurde das Festival Maerzmusik mit einer Hommage an den Countertenor Klaus Nomi eröffnet. Das Stück, für das Thomas Jonigk das Libretto und Olga Neuwirth die Musik schrieb, verfolgt den Weg des Musikers über Berlin nach New York. Nomi (1944- 1983) galt als Kultfigur der New-Wave-Musikszene. Während am Düsseldorfer Schauspielhaus mit HÖRST DU MEIN HEIMLICHES RUFEN, DIESSEITS und JUPITER gleich drei Stücke von Jonigk auf dem Spielplan stehen, arbeitet der Autor derzeit an einem Auftragswerk für das Deutsche Theater in Berlin mit dem Titel DONNA DAVISON. Am Bayerischen Staatstheater plant man für die nächste Spielzeit die Inszenierung von Jonigks DIESSEITS. Regie soll Tina Lanik führen.
Die Ehrengaben der Weimarer Schillerstiftung gehen in diesem Frühjahr an Ria Endres und Sylvia Geist. Die mit jeweils 5000 Euro dotierten Auszeichnungen werden am 24. April in Weimar vergeben, teilte der Vorstand der Stiftung mit. In der Begründung der Jury heißt es: "Die Jury lobt vor allem auch Ria Endres' Essays über Samuel Beckett und Ingeborg Bachmann. Diese Texte sind nicht nur literaturwissenschaftlich fundiert, sondern auch glänzend geschrieben. In diesen Essays erkennt die Jury zauberhaft Erzählungen, versteckt in der sachlichen Bezeichnung Essay". Bereits im Januar ist mit DIE DAME MIT DEM EINHORN ein weiterer Essay-Band der in Frankfurt am Main lebenden Autorin im Rimbaud Verlag, Aachen (www.rimbaud.de/endres.html#dameeinhorn) erschienen. Im Nachwort beschreibt Reinhold Batberger ebenfalls die essayistische Kunst der Autorin: "Die literarischen Essays und Portraits von Ria Endres sind kühn und vorausschauend. Unter den Essays über bildende Kunst ragt ihr Text DIE DAME MIT DEM EINHORN hervor. Auf der Fläche von sechs Wandteppichen, die mitten im Kloster des Musée de Cluny in Paris hängen, bewohnt "Die Dame mit dem Einhorn" ein rätselhaftes Universum. Ria Endres betritt es mit ihrem kleinen essayistischen Meisterwerk". Auch der nun in Weimar ausgezeichnete Essay-Band SAMUEL BECKETT UND SEINE LANDSCHAFTEN (www.rimbaud.de/endres.html#beckettlandschaften) ist bei Rimbaud verlegt.
Die beliebte Mädchenbuchreihe "Freche Mädchen" (Thienemann Verlag, Stuttgart), für die u.a. die Verlagsautoren Anja Kömmerling, Thomas Brinx und Hortense Ullrich schreiben, wird verfilmt. Natürlich geht es um die nicht immer leichte Zeit der Pubertät mit all den Irrungen und Wirrungen der ersten Liebe. Collina Film-Produzent Ullrich Limmer produziert den Film gemeinsam mit der Constantin und B.A. Produktion, gedreht wird in Köln, Wuppertal und München. In der 4,5 Millionen teuren Produktion spielen u.a. Anke Engelke, Armin Rohde, Piet Klocke, David Rott und Anna Böttcher.
Unter dem Titel ILLEGAL bereiten die Erfinder und künstlerischen Leiter des viel beachteten Stadtprojekts BUNNYHILL Björn Bicker, Michael Graessner und Peter Kastenmüller einen Abend über jene 40.000 bis 50.000 Menschen vor, die ohne Aufenthaltsgenehmigung allein in München leben. Autor des Stückes, das daraus entstehen und im Juni 2008 im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele uraufgeführt werden wird, ist Polle Wilbert. Gemeinsam wollen Kastenmüller, Graessner und Bicker - Dramaturg der Kammerspiele, der als Polle Wilbert Theaterstücke schreibt - der Frage nachgehen, wie illegal lebende Menschen und ihre Familien ihren Alltag im Verborgenen organisieren. An eben diesem Punkt setzt das Projekt an. Das Theater soll die im öffentlichen Diskurs marginalisierten Menschen im Zentrum der Stadt sichtbar werden lassen. Mit theatralischen, künstlerischen, musikalischen, dokumentarischen und diskursiven Verfahren soll das Schauspielhaus in die Stadt der Unsichtbaren verwandelt werden. Parallel zu der Realisierung des Projektes auf der Bühne entsteht in Kooperation mit der Redaktion Hörspiel und Medienkunst beim Bayerischen Rundfunk eine Aufarbeitung des Themas für den Hörfunk.
last update: 17.04.2008