PRESSEARCHIV
William Shakespeare / Frank Günther
ROMEO & JULIA
18.01.2003, Schauspiel Leipzig
»Nichts außer den verschwitzten Hemden der niedrigen Chargen beider verfeindeter Familien deutet auf italienische Hitze hin. Im Bühnenbild von Hugo Gretler, einem hölzernen Guckkasten voller versteckter Türen und Klappfächer, sind die Leidenschaften zu einem strengen höfischen Korsett gefroren. Nur wenn der Druck zu stark wird, bewegen die Veroneser ihre Arme, Beine, Augen in unkontrollierter Renitenz, die ihnen Hals und Knochen brechen kann. Die Amme, nie verläßlich auf Linie der rituellen Konduite, wärmt sich deshalb stets mit einem Pelzmantel vor. Alle anderen erstarren in förmlicher Konzentration. Das Kostümfest der Capulets sieht wie Karneval auf dem Bahnhof aus, so verloren kreisen die Paare in der unmöblierten Einsamkeit unter der flirrenden Discokugel. Romeo und Julia stehen sich urplötzlich gegenüber, erst Hand in Hand, dann, ohne Zaudern und Zagen, in einen endlosen Kuß versunken. Die Gäste glotzen entsetzt wie auf einen explosiven Brandherd. Das Mädchen ist bei Julia Berke ein selbstberauschter Wildfang mit hart abgedunkelter Stimme, der Romeo von Torben Kessler ein inniglich aufbrausender Wolkenschieber. Die Hochzeitsnacht verbringen sie zwischen losen Federn wie frisch geschlüpfte, ungeschützte Küken. Enrico Lübbe, knapp achtundzwanzig Jahre alt und als Hausregisseur in Leipzig engagiert, stützt den Bogen seiner Inszenierung auf intelligente Beobachtungen und eine große Zuneigung zu den Figuren. Ob Marco Albrecht sich als Mercutio wie die Ziffer Zwei in die Landschaft biegt und auf den Fersen wippend doppelte Selbstsicherheit demonstriert, ob Aurel Manthei als Tybald die Gegner schwindelig ficht und sich danach in der spiegelnden Klinge die Frisur richtet, ob sich Ellen Hellwig als Julias Amme wie ein kokettes Mauerblümchen die Antworten in Sachen Romeo aus der Nase ziehen lässt, Lübbe zeichnet alle mit schwungvoller Sympathie: ein Menschenfreund, der sich Shakespeare wie einen Zeitgenossen anverwandelt, ohne Romeo und Julia deswegen zum Shoppen und Ficken zu schicken.«
(FAZ)
»Aus Frank Günthers kraftvoller Übersetzung nehmen Enrico Lübbe und seine Schauspieler die Berechtigung, sich ganz auf ihre eigene Zeit zu konzentrieren. Da gibt es Stieleis unter der Spiegelkugel und Rosenblätter aus der Plastiktüte, da lieben sich zwei zwischen aufgerissenen Federbetten wie gerupfte Engel in weißer Unterwäsche. Enrico Lübbes Inszenierung ist – auch im betont bindungslosen Nebeneinander vieler Figuren – ein einziger Aufschrei gegen verordnete Gefühle und biographische Zwänge. Hier liegt ihr großer Vorzug.«
(Mitteldeutsche Zeitung)