PRESSEN
Thomas Jonigk
DIESSEITS
6.10.2007, Düsseldorfer Schauspielhaus (UA)
»Gehirntumor lautet Paulas Diagnose. Bis die 40-Jährige erfährt, ob er gut - oder bösartig ist, hat sie etwas Zeit, ihr Leben zu überdenken. Die Bilanz fällt bitter aus: Eigentlich hat sie nichts erreicht, keine Freunde, keine Karriere, keine Beziehung. Doch was macht eigentlich ein glückliches Leben aus?
Dieser Frage geht Thomas Jonigk in seinem neuen Stück "Diesseits" nach, das am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Das Auftragswerk ist bereits die zweite Arbeit des Hausautors in Düsseldorf. Auch in "Diesseits" offenbart Jonigk seine genaue Beobachtungsgabe: Seine Texte sind entlarvend, intelligent, nie geschwätzig und besitzen einen bösen Witz, bei dem das Lachen im Halse stecken bleibt. Gerade bei einem Stück, das sich um eine Todkranke dreht, ist Humor eine Gratwanderung, die Ensemble und Regie jedoch mit Bravour meistern. Hausregisseur Stephan Rottkamp inszeniert leicht und locker mit vielen hübschen Einfällen, ohne oberflächlich zu werden und den Figuren und Themen ihre Ernsthaftigkeit zu nehmen.
Zwischen Todesangst und Todessehnsucht schwankt Paula hin- und her, mal rotzig und trampelig, etwa wenn sie ihrer unsensiblen Schwester(Anna Kubin) entgegen tritt, mal verzweifelt, wenn sie sich auf einen One-Night-stand mit dem zynischen Peter(Wolfram Hupperti) einläßt. Erst als sie Dietmar(Christoph Müller) kennenlernt, steigen Seifenblasen der Liebe auf und sie erkennt, wie ein kleines Stückchen Glück aussehen könnte - auch wenn es nicht für die Ewigkeit gedacht wäre und die beiden im Voraus bereits alles zerreden.
Ihr vor 30 Jahren ebenfalls an Krebs gestorbener Vater erscheint ihr als junger Mann. Er ist Conférencier und Spielmacher gleichermaßen und schnippt das Geschehen an, wie Gott persönlich. Köstlich.
Am Ende sieht sich Paula selbst zu, wie sie ihre letzten Stationen noch einmal durchlebt. Eine Videoprojektion lässt sie wie eine Erscheinung über die Bühne geistern. Zumindest jetzt muß sie nichts mehr bereuen.«
(Westdeutsche Zeitung)
»Paula ist verzweifelt. Mit einem Röntgenbild in der Hand stürzt sie auf die Bühne. Die drohende Diagnose: Gehirntumor. Laute Musik aus dem Off. Der Raum ist hermetisch. Weiß gefliest, ein Operationssaal vielleicht. Wenig später: Paula überfällt einen Mann am Schalter, will Schmerztabletten erpressen, um sich umzubringen. Fataler Irrtum: Der Angestellte am Schalter ist kein Apotheker, sondern Banker und dazu ein Mann , der sich für Paula interessiert. Nach wenigen Minuten schon ist viel gesprochen worden, dies und das, über Selbstmord und Orgasmussorgen. Jetzt kann sie beginnen, die großangelegte Untersuchung, die sich dem Leben widmet. In atemlosen 100 Minuten läuft dieses dramatische Experiment, eine gründliche Auslotung, eine Reise durch Höhen und Tiefen menschlicher Existenz.
Der vielfach ausgezeichnete Autor hat mit Paula eine Figur erschaffen, mit der er die großen Lebensfragen erörtert, lebendig erzählt, drastisch, überzeichnet, auch zärtliche und amüsante Ausflüge unternimmt.
"Diesseits" ist kein Krebsstück. Die Angst vorm tödlichen Krebs ist nur der Auslöser, das eigene Leben im Schnelldurchgang zu überprüfen, auf Unterlassungssünden, auf Glaube, Werte, Vergangenheit und Zukunft. Paula zieht Resumée in ihrem einsamen, kinderlosen Leben, stößt einen Urschrei aus. Die Hoffnung aber stirbt zuletzt.
Regisseur Stephan Rottkamp stellt Paula in den Mittelpunkt, einmal verdoppelt er seine Figur genial mithilfe einer Projektion. Und er findet in Chistiane Roßbach die Schauspielerin, die alle Regungen dieser Paula brillant auszudrücken vermag.
Roßbach hat sich ganz auf diese Paula und deren angespannten Seelenzustand eingelassen. Ihr Spiel ist eine großartige Leistung.
Genügend boshaft und unterkühlt kommt Anna Kubin als Paulas Böse Schwester und blondes Gift daher; ihr zur Seite Schwager Wolfram Rupperti. Anke Hartwig ist ebenfalls wandlungsfähig und nah, besonders als falsche Mutter. Und dann ist da ja auch noch Dietmar, die Schlüsselfigur, die die Funken der Leidenschaft in Paulas Leben neu zündet. Am Ende wird er überzeugend darstellen, daß nicht die Diagnose entscheidend ist sondern die Liebe zählt.
Thomas Jonigk hat aktuelle unterhaltsame Theaterkost serviert, wie man sie sich wünscht: Sein pralles, fantasiereiches Menschenstück spielt im Diesseits und verweist aufs Jenseits. Der lange herzliche Applaus galt allen Beteiligten.
(Rheinische Post)